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Warschau nimmt sich sein Wappen zur Brust
by Gabriele Lesser

Designer verpassten der berühmten Figur einen üppigeren Busen. Mit ungeahnten Konsequenzen.

Warschau - „Die Brust ist zu klein“, unterbrach eine Ratsherrin in Ustka lautstark die sich dröge hinziehende Sitzung des Stadtrates. „Was?“ riefen die plötzlich wieder hellwachen Kollegen. „Was für eine Brust?“ Vierzehn Augenpaare richteten sich auf die Ratsherrin. Die aber reckte nur stumm den Arm und deutete auf das Stadtwappen über dem Kopf des Bürgermeisters. Und da sahen es alle: Die Syrenka, die geliebte Meerjungfrau der polnischen Küstenstadt, hatte einen verschwindend kleinen Busen.

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(old logo)

Damit wollten und konnten sie sich nicht abfinden. Eine Meerjungfrau fast ohne Busen! Wo käme man denn da hin? Was sollte die Welt von Ustka denken? Fieberhaft malten sie Busen um Busen. Riefen das Amt für Heraldik an und die Denkmalschützer. Das Stadtwappen von Ustka brauchte eine Brustvergrößerung. Der Rat beschloss die diesbezügliche Änderung des Signets. Die Nachricht von der busenlosen Syrenka drang bis in die Hauptstadt Polens vor. Sofort riefen die Ratsherren eine Krisensitzung ein, denn auch Warschau hat eine Meerjungfrau im Stadtwappen. Der Busen wurde begutachtet. Fachmännisch. Schweigend. „Nicht gerade sexy“, grummelte schließlich einer. „Leicht hängend“, fügte ein anderer hinzu. Was tun? Das Bild der Warschauer Syrenka hängt in Tausenden von Amtszimmern, prangt auf sämtlichen Dokumenten, fährt auf Bussen und Straßenbahnen durch die Stadt. Eine Brustvergrößerung käme ziemlich teuer.

Die Denkmäler würde man nicht antasten, da war man sich schnell einig. Doch das Wappen, das konnte so nicht bleiben. Da mussten Spezialisten ran. Jeder Millimeter zählte. Im Budget wurden 20 000 Zloty für die Überarbeitung angesetzt. Doch damit nicht genug: Warschau brauchte ein neues Logo. Mit dieser altehrwürdigen Edel-Syrenka, die einen Säbel über ihrem Kopf schwingt und Angreifer mit einem Schild zurückdrängt, war doch in diesen Zeiten kein Tourist mehr in die Stadt zu locken. Also machten die Ratsherren noch mal 195 000 Zloty locker. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben.

„Verlieb dich in Warschau“ stand schon als Slogan fest. Doch als den Warschauern nach Monaten die sexy Meerjungfrau - kreatives Werk eigens beauftragter Designer - präsentiert wurde, ging ein Aufschrei durch die Stadt. „Unanständig ist das! Dieser Busen! So eine Schande!“ Auf der Straße, in Supermärkten, Bussen und Straßenbahnen gab es nur noch ein Thema: Busen und Nabel der neuen Syrenka.

Radio und Fernsehen nahmen Sondersendungen ins Programm. Ein Hörer klagte: „Diese Syrenka schwingt ein Nudelholz und eine Bratpfanne! Damit holt man doch keine Touristen nach Warschau.“ Ein anderer erkannte in dem leicht abstrakten Schutzschild eine gigantische Tomate, die sich die Meerjungfrau unter den Arm geklemmt habe. Der Oberbürgermeister zog es vor zu schweigen. Studenten scheinen die Warschauer Syrenka ins Herz geschlossen zu haben - jenseits aller Diskussionen. Das Denkmal auf dem Marktplatz in der Altstadt jedenfalls trägt immer mal wieder einen knallroten Wonderbra.

Source:
Kölner Stadtanzeiger

Robert Salzmer, 26. Dec. 04